Update Sortagefachfrau

Dass ich hier so wenig schrieb, liegt hauptsächlich daran, dass ich seit gut zwei Monaten an einem Artikel über Autismus und Mutterschaft brüte, den ich in keine vernünftige Form zu pressen vermag. Ich habe ihn nun in x-facher Ausführung, zwei der Versionen würden problemlos ein halbes Buch füllen. Jedenfalls verstopft dieser Artikel hier den Ausgang, aber um doch nicht ganz zu schweigen, fülle ich diesen Eintrag mit meinem letzten Sortageprojekt. Voilà, 10 Äpfel:

Sortagefachfrau

Ich hatte schon immer eine ausgeprägte Vorliebe dafür, Dinge aufzureihen und ansprechend anzuordnen. Dabei spreche ich nicht von Dekoelementen oder floralen Arrangements, weder das Konzept des Drapierens sinnbefreiter, erinnerungslosgelöster Objekte zur Dekoration, noch das Aufstellen gemeuchelten Grün- und Buntzeugs erschliesst sich mir, ich meine vielmehr das temporäre Aufreihen und Anordnen von Kleinstobjekten aus Freude an Tätigkeit und letztendlich erreichter optischer Vollkommenheitsnähe. Meistens ordne ich Nahrungsmittel. Wahrscheinlich, weil ich die immer im Haus habe, wahrscheinlich, weil ich tagtäglich mit ihnen hantiere und ziemlich sicher, weil diese Objektgruppe oft aus Kleinstteilen besteht oder sich zumindest gut verkleinern lässt. In der Regel plane ich die Aufreihungen nicht voraus, oft ergeben sie sich aus dem Material, was den Nachteil hat, dass ich mich, wenn ich eigentlich für gekochtes Essen sorgen wollte, plötzlich mitten in unstoppbaren Sortageexzessen befinde. Im Alltag, sprich 2x die Woche, wenn ich für das Mittagessen der Kinder verantwortlich bin, plane ich die Menus also ziemlich sorgfältig so, dass ich keine, schlecht oder nur unattraktiv aufreihbare Lebensmittel dazu verwenden muss. An Wochenenden nehme ich vorsorglich einfach Halbtage für eine Menuzubereitung Zeit oder überlasse, was meistens geschieht, die Kocherei meinem effizienteren Partner. Ich sortiere ordne aber auch nicht oder nur bedingt Essbares, wie beispielsweise Scherben, Muscheln, Steine oder Globuli, was den theoretischen Vorteil hat, dass ich angefangene Sortagen auch einfach liegen lassen und zu einem späteren Zeitpunkt weiterführen könnte. „Könnte“, denn ja, wenn ich mit Aufreihen, Sortieren und Ordnen beginne, unterbreche ich meine Tätigkeit nur unter fremd- und eigenlebensbedrohlichen Umständen, und ansonsten allerhöchstens mal aufgrund von Blasendruck oder weil die begleitend abgespielte Dokumentation oder (gesellschafts)politische Diskussionsrunde endete und ich neues auditives Untermalungsfutter brauche. Diese Tätigkeit ist, ähnlich wie das Würfelzeichnen, nur gesellschaftlich etwas weniger gebilligt und deswegen und wegen Tendenzen zu Nichtunterbrechbarkeit zum Stressabbau in der Öffentlichkeit etwas weniger geeignet, absolute Entspannung für mich. Ich brauche dafür keine Energie. Ich brauche dafür keine Geduld. Ja, wenn ich (davon leben) könnte, würde ich meine Tage mit Derartigem verbringen. Wenn ich schreibe, dass die Tätigkeit als solche im Entstehungmoment der Projekte gesellschaftlich weniger gebilligt ist, meine ich, dass es doch relativ seltsam auffallen und auf wenig Verständnis stossen würde, wenn ich mich beispielsweise an Fachtagungen mal eben am Sandwichtisch entspanne und adrette Reihen mit Broten, sauren Gurken, Tomaten, Käse und andren Sandwichinhalten anfertige. Jetzt wo ich mir das so bildhaft und äusserst verlockend vorstelle, werde ich mich an der nächsten derartigen Veranstaltung aktiv beherrschen müssen. Die Endresultate sind ein ganz ein anderes Thema, wie ich erfuhr, als ich vor zwei, drei Jahren zögerlich damit begann, meine Projekte zu fotografieren und ins Netz zu stellen: Anstatt, dass ich, was ich befürchtete nur mitleidig belächelt und für verrückt erklärt wurde, schien es tatsächlich Menschen zu geben, denen gefiel, was ich tat. Das ist, nicht von der Hand zu weisen, ein netter Nebeneffekt und wenn ich jetzt noch unvermittelt reich würde, würde ich alles hinschmeissen und Sortagefachfrau werden.

Würfeln für den Weltfrieden

Ich mag Quadrate. Meine Lieblingslegosteine waren stets die quadratischen 4er-Steine, ich mag quadratische Bodenplatten, quadratische Kissen, quadratische Bilder, quadratische Teppiche, quadratische Schubladenfächer, wenn ich mich gerade sehr mag, fühle ich mich quadratisch, wenn ich im Quadrat springe, tu ich das mit Freuden, wenn ich Dinge anordne, dann quasi immer quadratisch, in meiner Autokratie hätte ich einen quadratischen Palast, in meiner Religion gäbe es Quadratsgebote und und wenn ich motorische Unruhen umleiten, unbestimmte Wartezeiten überbrücken, mich erholen oder gar entspannen will, zeichne ich Würfel aus vielen kleinen quadratischen Flächen auf Häuschenpapier. Das mache ich seit ungefähr 20 Jahren, gerne auch mehrere Stunden am Stück und es ist mir zu keinem Zeitpunkt je verleidet. Mein Würfelkrizeln ist ein praktisches Mittel zur Selbstregulation, dessen Zutaten ich jederzeit griffbereit stets in meinem Rucksack dabei habe und das ich so in vier Hauptsituationen einsetze:

Zum Stressabbau in der (über)fordernden Situation selber, beispielsweise an Fachtagungen, wenn ich mich, nachdem ich mich gerade von Ort X durch Menschenmassen zu meinem Sitzplatz durchgekämpft habe und sich hunderte von Menschen gleichzeitig zu bewegen und miteinander zu unterhalten scheinen, dann setze ich mich hin, Ohrstöpsel ein und zeichne Würfel.

Nach stressgeladenen Tagen kann ich mir wenig entspannenderes vorstellen, als mich an meinen Schreibtisch zu setzen, eine spannende Dokumentation (vorzugsweise Dokumentationen zu psychologischen, sozialen oder gesellschaftspolitischen Themen) abzuspielen und dazu Würfel zu zeichnen.

Sobald ich stillsitzen müsste, um mich, beispielsweise bei Vorlesungen, Referaten oder Sitzungen, auf Gehörtes zu konzentrieren, werde ich motorisch ziemlich unruhig. Ich beginne mit meinen Füssen zu wackeln, Stifte zwischen den Fingern zu wippen, schaukle oder dauerrutsche auf meinem Stuhl herum. Wenn ich derartige Impulse zu unterdrücken versuche, bin ich derart damit beschäftigt, dass es von möglichen Vorlesungsinhalten gerade ein Minimalstbruchteil in mein Verständnis schafft. Ich würfelzeichne also auch n jenen Situationen. Zum Wohle aller Sitznachbarn. Und wenn ich schiefe Blicke ernte, demonstriere ich jeweils gerne für einige Minutenbruchteile, wie es wäre, würde ich mein Wippen, Schaukeln, Wacken und Rutschen weder umleiten noch unterdrücken, um dann, kurz bevor mir in sitznachbarlicher Rage in Bleistift zwischen die Augen gerammt wird, selber erneut zum Stift zu greifen, weiterzuwürfeln und die Umsitzenden erleichtert aufatmen zu lassen.

Wenig lässt mich so sehr an meine Grenzen kommen, wie unbestimmte Wartezeiten auf zukunftsrelevante Informationen oder das Durchdenken schief gelaufener, vergangener zwischenmenschlicher Situationen. Ich denke in Dauerschleife darüber nach, zermalme, -mürbe und -brösel mich ins Unendliche und ende, wenn ununterbrochen, unweigerlich in irgendwelchen schlecht beleuchteten Stimmungslöchern. Einer der einzigen Möglichkeiten, mich nachhaltig abzulenken, beziehungsweise zu unterbrechen, ist auch hier musikalisch unterlegte Würfelmalerei.

Ich kann nicht genau benennen, wo und ob sich dieser Usus im Zusammenhang mit der Diagnose Autismus verorten lässt, aber ob es sich dabei eher um Stimming, eine Stereotypie, Routine oder Spezialinteresse handelt, spielt auch nur eine zweitrangige Rolle, wahrscheinlich speist er ohnehin mehrere dieser Aspekte. Klar ist: Würfelzeichnen im richtigen Moment (zu spät eingesetzt ist ohnehin Hopfen und Malz verloren) hat erheblich positiven Einfluss auf mein Wohlbefinden, damit schon zwei, drei Menschenleben gerettet, drei, vier Kriege verhindert und ist sozial akzeptierter, als wenn ich beispielsweise damit beginne, wie verfolgt und fuchtelnd durch den Raum zu tigern und dabei irgendwelche Bizarrheiten zu murmeln, was in sämtlichen der geschilderten Situationen eine ähnliche Wirkung hätte.

Kurz: Ich würfle für den Weltfrieden.

Über dieses Blog

„Und wie bereitest du dich, in den 5 Minuten, die dir zwischen Weckerklingeln und Bus bleiben, auf all die potentiellen Situationen, Gespräche und Begegnungen des Tages vor?“ fragte ich meinen Partner, als ich ihm vor gut 12 Jahren erstmals erstaunt dabei zusah, wie er sich wenige, handlungsgefüllte Minuten nach Aufwachen offen- und zuversichtlich dazu im Stande wähnte, in Bus und Alltagsgeschehen einzusteigen. Dezent irritiert blickte er vom Schuhebinden hoch, in meine Richtung: „Ich habe heute kein Gespräch.“ Selber wieder an der Reihe gehörig verwirrt zu sein, konnte ich mir doch gar nicht vorstellen, wie er schaffen wollte, ohne mit jemandem zu sprechen überhaupt übers Hochschulgelände, wo wir beide studierten, zur Eingangstür zu gelangen, bekundete ich meine Zweifel über die Durchführbarkeit seines Plans. „Natürlich werde ich mit Menschen sprechen,“ setzte er zur Erklärung an, „aber ich habe keine Gespräche. Kein geplantes Zusammensitzen mit festgelegtem, vorzuplanendem Thema oder so, ach, du weißt schon was ich meine. Bis nachher!“ Wusste ich was er meinte? Dass man bei Gesprächen jetzt nicht zwingend sitzen muss, war mir schon klar, dass eigens geplante Gesprächsthemen nicht zwingend auch die des Gegenübers sind und damit auch gewisse Unberechenbarkeiten entstehen ebenfalls, wie er es aber planlos durch die ganzen Stehgespräche in den Übergangssituationen schaffen wollte, war mir schleierhaft. Offensichtlich hatte ich nun auch den Moment verpasst, ihn für den Tag zu verabschieden, denn als ich gerade zum „Bis nachher!“ ansetzen wollte, war er schon weg.

„Und plötzlich hat eins einen Vogel mit Namen.“ twitterte ich unlängst. Es war der Tag an dem mir nach vielen Diagnostik- und noch mehr (Ver)Zweifelstunden bestätigt wurde, was ich seit Längerem ahnte. Mein Vogel* heisst Autismus und dies hier ist ein Versuch, Situati- und Stationen eines Lebens retroperspektiv neu zu beleuchten, die mich vor Fragen stellten, auf die ich jetzt eine mögliche Antwort habe. Ausserdem möchte ich davon berichten, wie die neue Gewissheit (hoffentlich) zu Veränderungen und Erleichterungen in der Bewältigung des Alltags führt und hie und da ein paar Freizeitversessenheiten zeigen, die wohl in ihrer Ausprägung auch nicht ganz losgelöst vom Thema Autismus zu betrachten sind. Bei alledem möchte ich, zumindest in den Fliesstexten auf der Hauptseite, nicht zu bierernst bleiben und erlaube mir humoristische Schwarzfärbung und künstlerische Freiheiten wie textdienliche Verdichtungen und inhaltliche (nicht sinnesgemässe) Abweichungen von der Wahrheit. Ausserdem hoffe ich mit Zeit, Erfahrung und Hilfe anderer AutistInnen auf einer Unterseite zusammenfassen zu können, was ich jetzt schmerzlich vermisse: Eine pointierte Auslegeordnung möglicher, entlastender Schritte und Optionen zur Unterstützungsbesorgung (in der Schweiz) nach der Diagnose.

 

 

*Ich mag Vögel, sei festgehalten, optisch zumindest, bezüglich ihrer Tendenzen zu übermässigem Rumgekreische bin ich zwiegespalten, aber nehmen wir eben einfach an, mein Vogel sei ein ruhiger, besonnener Tenor oder Bass.