Über dieses Blog

„Und wie bereitest du dich, in den 5 Minuten, die dir zwischen Weckerklingeln und Bus bleiben, auf all die potentiellen Situationen, Gespräche und Begegnungen des Tages vor?“ fragte ich meinen Partner, als ich ihm vor gut 12 Jahren erstmals erstaunt dabei zusah, wie er sich wenige, handlungsgefüllte Minuten nach Aufwachen offen- und zuversichtlich dazu im Stande wähnte, in Bus und Alltagsgeschehen einzusteigen. Dezent irritiert blickte er vom Schuhebinden hoch, in meine Richtung: „Ich habe heute kein Gespräch.“ Selber wieder an der Reihe gehörig verwirrt zu sein, konnte ich mir doch gar nicht vorstellen, wie er schaffen wollte, ohne mit jemandem zu sprechen überhaupt übers Hochschulgelände, wo wir beide studierten, zur Eingangstür zu gelangen, bekundete ich meine Zweifel über die Durchführbarkeit seines Plans. „Natürlich werde ich mit Menschen sprechen,“ setzte er zur Erklärung an, „aber ich habe keine Gespräche. Kein geplantes Zusammensitzen mit festgelegtem, vorzuplanendem Thema oder so, ach, du weißt schon was ich meine. Bis nachher!“ Wusste ich was er meinte? Dass man bei Gesprächen jetzt nicht zwingend sitzen muss, war mir schon klar, dass eigens geplante Gesprächsthemen nicht zwingend auch die des Gegenübers sind und damit auch gewisse Unberechenbarkeiten entstehen ebenfalls, wie er es aber planlos durch die ganzen Stehgespräche in den Übergangssituationen schaffen wollte, war mir schleierhaft. Offensichtlich hatte ich nun auch den Moment verpasst, ihn für den Tag zu verabschieden, denn als ich gerade zum „Bis nachher!“ ansetzen wollte, war er schon weg.

„Und plötzlich hat eins einen Vogel mit Namen.“ twitterte ich unlängst. Es war der Tag an dem mir nach vielen Diagnostik- und noch mehr (Ver)Zweifelstunden bestätigt wurde, was ich seit Längerem ahnte. Mein Vogel* heisst Autismus und dies hier ist ein Versuch, Situati- und Stationen eines Lebens retroperspektiv neu zu beleuchten, die mich vor Fragen stellten, auf die ich jetzt eine mögliche Antwort habe. Ausserdem möchte ich davon berichten, wie die neue Gewissheit (hoffentlich) zu Veränderungen und Erleichterungen in der Bewältigung des Alltags führt und hie und da ein paar Freizeitversessenheiten zeigen, die wohl in ihrer Ausprägung auch nicht ganz losgelöst vom Thema Autismus zu betrachten sind. Bei alledem möchte ich, zumindest in den Fliesstexten auf der Hauptseite, nicht zu bierernst bleiben und erlaube mir humoristische Schwarzfärbung und künstlerische Freiheiten wie textdienliche Verdichtungen und inhaltliche (nicht sinnesgemässe) Abweichungen von der Wahrheit. Ausserdem hoffe ich mit Zeit, Erfahrung und Hilfe anderer AutistInnen auf einer Unterseite zusammenfassen zu können, was ich jetzt schmerzlich vermisse: Eine pointierte Auslegeordnung möglicher, entlastender Schritte und Optionen zur Unterstützungsbesorgung (in der Schweiz) nach der Diagnose.

 

 

*Ich mag Vögel, sei festgehalten, optisch zumindest, bezüglich ihrer Tendenzen zu übermässigem Rumgekreische bin ich zwiegespalten, aber nehmen wir eben einfach an, mein Vogel sei ein ruhiger, besonnener Tenor oder Bass.

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