Würfeln für den Weltfrieden

Ich mag Quadrate. Meine Lieblingslegosteine waren stets die quadratischen 4er-Steine, ich mag quadratische Bodenplatten, quadratische Kissen, quadratische Bilder, quadratische Teppiche, quadratische Schubladenfächer, wenn ich mich gerade sehr mag, fühle ich mich quadratisch, wenn ich im Quadrat springe, tu ich das mit Freuden, wenn ich Dinge anordne, dann quasi immer quadratisch, in meiner Autokratie hätte ich einen quadratischen Palast, in meiner Religion gäbe es Quadratsgebote und und wenn ich motorische Unruhen umleiten, unbestimmte Wartezeiten überbrücken, mich erholen oder gar entspannen will, zeichne ich Würfel aus vielen kleinen quadratischen Flächen auf Häuschenpapier. Das mache ich seit ungefähr 20 Jahren, gerne auch mehrere Stunden am Stück und es ist mir zu keinem Zeitpunkt je verleidet. Mein Würfelkrizeln ist ein praktisches Mittel zur Selbstregulation, dessen Zutaten ich jederzeit griffbereit stets in meinem Rucksack dabei habe und das ich so in vier Hauptsituationen einsetze:

Zum Stressabbau in der (über)fordernden Situation selber, beispielsweise an Fachtagungen, wenn ich mich, nachdem ich mich gerade von Ort X durch Menschenmassen zu meinem Sitzplatz durchgekämpft habe und sich hunderte von Menschen gleichzeitig zu bewegen und miteinander zu unterhalten scheinen, dann setze ich mich hin, Ohrstöpsel ein und zeichne Würfel.

Nach stressgeladenen Tagen kann ich mir wenig entspannenderes vorstellen, als mich an meinen Schreibtisch zu setzen, eine spannende Dokumentation (vorzugsweise Dokumentationen zu psychologischen, sozialen oder gesellschaftspolitischen Themen) abzuspielen und dazu Würfel zu zeichnen.

Sobald ich stillsitzen müsste, um mich, beispielsweise bei Vorlesungen, Referaten oder Sitzungen, auf Gehörtes zu konzentrieren, werde ich motorisch ziemlich unruhig. Ich beginne mit meinen Füssen zu wackeln, Stifte zwischen den Fingern zu wippen, schaukle oder dauerrutsche auf meinem Stuhl herum. Wenn ich derartige Impulse zu unterdrücken versuche, bin ich derart damit beschäftigt, dass es von möglichen Vorlesungsinhalten gerade ein Minimalstbruchteil in mein Verständnis schafft. Ich würfelzeichne also auch n jenen Situationen. Zum Wohle aller Sitznachbarn. Und wenn ich schiefe Blicke ernte, demonstriere ich jeweils gerne für einige Minutenbruchteile, wie es wäre, würde ich mein Wippen, Schaukeln, Wacken und Rutschen weder umleiten noch unterdrücken, um dann, kurz bevor mir in sitznachbarlicher Rage in Bleistift zwischen die Augen gerammt wird, selber erneut zum Stift zu greifen, weiterzuwürfeln und die Umsitzenden erleichtert aufatmen zu lassen.

Wenig lässt mich so sehr an meine Grenzen kommen, wie unbestimmte Wartezeiten auf zukunftsrelevante Informationen oder das Durchdenken schief gelaufener, vergangener zwischenmenschlicher Situationen. Ich denke in Dauerschleife darüber nach, zermalme, -mürbe und -brösel mich ins Unendliche und ende, wenn ununterbrochen, unweigerlich in irgendwelchen schlecht beleuchteten Stimmungslöchern. Einer der einzigen Möglichkeiten, mich nachhaltig abzulenken, beziehungsweise zu unterbrechen, ist auch hier musikalisch unterlegte Würfelmalerei.

Ich kann nicht genau benennen, wo und ob sich dieser Usus im Zusammenhang mit der Diagnose Autismus verorten lässt, aber ob es sich dabei eher um Stimming, eine Stereotypie, Routine oder Spezialinteresse handelt, spielt auch nur eine zweitrangige Rolle, wahrscheinlich speist er ohnehin mehrere dieser Aspekte. Klar ist: Würfelzeichnen im richtigen Moment (zu spät eingesetzt ist ohnehin Hopfen und Malz verloren) hat erheblich positiven Einfluss auf mein Wohlbefinden, damit schon zwei, drei Menschenleben gerettet, drei, vier Kriege verhindert und ist sozial akzeptierter, als wenn ich beispielsweise damit beginne, wie verfolgt und fuchtelnd durch den Raum zu tigern und dabei irgendwelche Bizarrheiten zu murmeln, was in sämtlichen der geschilderten Situationen eine ähnliche Wirkung hätte.

Kurz: Ich würfle für den Weltfrieden.

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3 Kommentare

  1. Pingback: Woanders – Mit Polen, Katholen und Kapellen |
  2. Jana Herwig · April 26, 2016

    Ich liebe diese Würfel von dir:)

    Gefällt 1 Person

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