Sortagefachfrau

Ich hatte schon immer eine ausgeprägte Vorliebe dafür, Dinge aufzureihen und ansprechend anzuordnen. Dabei spreche ich nicht von Dekoelementen oder floralen Arrangements, weder das Konzept des Drapierens sinnbefreiter, erinnerungslosgelöster Objekte zur Dekoration, noch das Aufstellen gemeuchelten Grün- und Buntzeugs erschliesst sich mir, ich meine vielmehr das temporäre Aufreihen und Anordnen von Kleinstobjekten aus Freude an Tätigkeit und letztendlich erreichter optischer Vollkommenheitsnähe. Meistens ordne ich Nahrungsmittel. Wahrscheinlich, weil ich die immer im Haus habe, wahrscheinlich, weil ich tagtäglich mit ihnen hantiere und ziemlich sicher, weil diese Objektgruppe oft aus Kleinstteilen besteht oder sich zumindest gut verkleinern lässt. In der Regel plane ich die Aufreihungen nicht voraus, oft ergeben sie sich aus dem Material, was den Nachteil hat, dass ich mich, wenn ich eigentlich für gekochtes Essen sorgen wollte, plötzlich mitten in unstoppbaren Sortageexzessen befinde. Im Alltag, sprich 2x die Woche, wenn ich für das Mittagessen der Kinder verantwortlich bin, plane ich die Menus also ziemlich sorgfältig so, dass ich keine, schlecht oder nur unattraktiv aufreihbare Lebensmittel dazu verwenden muss. An Wochenenden nehme ich vorsorglich einfach Halbtage für eine Menuzubereitung Zeit oder überlasse, was meistens geschieht, die Kocherei meinem effizienteren Partner. Ich sortiere ordne aber auch nicht oder nur bedingt Essbares, wie beispielsweise Scherben, Muscheln, Steine oder Globuli, was den theoretischen Vorteil hat, dass ich angefangene Sortagen auch einfach liegen lassen und zu einem späteren Zeitpunkt weiterführen könnte. „Könnte“, denn ja, wenn ich mit Aufreihen, Sortieren und Ordnen beginne, unterbreche ich meine Tätigkeit nur unter fremd- und eigenlebensbedrohlichen Umständen, und ansonsten allerhöchstens mal aufgrund von Blasendruck oder weil die begleitend abgespielte Dokumentation oder (gesellschafts)politische Diskussionsrunde endete und ich neues auditives Untermalungsfutter brauche. Diese Tätigkeit ist, ähnlich wie das Würfelzeichnen, nur gesellschaftlich etwas weniger gebilligt und deswegen und wegen Tendenzen zu Nichtunterbrechbarkeit zum Stressabbau in der Öffentlichkeit etwas weniger geeignet, absolute Entspannung für mich. Ich brauche dafür keine Energie. Ich brauche dafür keine Geduld. Ja, wenn ich (davon leben) könnte, würde ich meine Tage mit Derartigem verbringen. Wenn ich schreibe, dass die Tätigkeit als solche im Entstehungmoment der Projekte gesellschaftlich weniger gebilligt ist, meine ich, dass es doch relativ seltsam auffallen und auf wenig Verständnis stossen würde, wenn ich mich beispielsweise an Fachtagungen mal eben am Sandwichtisch entspanne und adrette Reihen mit Broten, sauren Gurken, Tomaten, Käse und andren Sandwichinhalten anfertige. Jetzt wo ich mir das so bildhaft und äusserst verlockend vorstelle, werde ich mich an der nächsten derartigen Veranstaltung aktiv beherrschen müssen. Die Endresultate sind ein ganz ein anderes Thema, wie ich erfuhr, als ich vor zwei, drei Jahren zögerlich damit begann, meine Projekte zu fotografieren und ins Netz zu stellen: Anstatt, dass ich, was ich befürchtete nur mitleidig belächelt und für verrückt erklärt wurde, schien es tatsächlich Menschen zu geben, denen gefiel, was ich tat. Das ist, nicht von der Hand zu weisen, ein netter Nebeneffekt und wenn ich jetzt noch unvermittelt reich würde, würde ich alles hinschmeissen und Sortagefachfrau werden.

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12 Kommentare

  1. tempovoyager · Mai 9, 2016

    Den Granatapfel von oben fotografiert würde ich mir sogar an die Wand hängen ,o)
    Ich finde Deine Sortage ausserordentlich schön.

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  2. Pingback: Woanders – Mit Büchern, Briefen und Blogs |
  3. giardino · Mai 9, 2016

    Mein LIeblingsbild ist nach wie vor die Tasse – aus rund wurde quadratisch, und aus Trümmern ein Arrangement, das schöner ist als der Gegenstand zuvor. Das ist Poesie.

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  4. UK · Mai 9, 2016

    Da gibt’s doch so einen Schweizer Künstler, der das macht und sogar verkauft?!?

    Ich glaube der hier ist das, „Ursus Wehrli“

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    • foulardisch · Mai 9, 2016

      Ja, der Urs.

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      • UK · Mai 11, 2016

        Mit dem bist Du nicht verwandt/befreundet? Das ist also was komplett Getrenntes und nur zufällig dieselbe Idee?

        (Habe ich nicht verstanden bisher, deshalb meine Nachfrage)

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      • foulardisch · Mai 16, 2016

        Unverwandt und unbefreundet. Ich kenne zwar seine Arbeit, sortiere und ordne aber seit Kindheit. Ich finde die Idee, Dinge aufzureihen darum relativ naheliegend und entsprechend wenig verwunderlich, dass mehrere Personen dies auch tun.

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  5. iris · Mai 16, 2016

    ich glaube, dass im lebensmittelstyling durchaus bedarf ist an sortagefachleuten! auch für die produktfotografie von lebensmittelherstellern. oder bei messen bei der produktpräsentation. ich finde die bilder toll. wenn sie im web zu sehen sind, kommen bestimmt bestellungen!

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